Punkte MPU: Der Fall, der am meisten unterschätzt wird

Kurz gesagt

Bei acht Punkten im Fahreignungsregister entzieht die Führerscheinstelle die Fahrerlaubnis. Danach folgt eine Sperrfrist von mindestens sechs Monaten, und die Neuerteilung gibt es nur mit einem positiven MPU-Gutachten. Abstinenznachweise brauchst du bei einer reinen Punkte-MPU nicht, geprüft wird stattdessen deine Einstellung zu Regeln und dein Verkehrsverhalten. Genau deshalb ist dieser Fall anspruchsvoller, als die meisten Betroffenen erwarten.

Es gibt einen Satz, den ich in Erstberatungen mit Punkte-Fällen fast jedes Mal höre: „Bei mir geht es ja nicht um Alkohol oder Drogen, sondern nur um Punkte."

Ich verstehe, warum dieser Satz kommt. Wer keine Trunkenheitsfahrt und keinen Drogenkonsum in der Akte hat, fühlt sich im Vergleich harmlos. Nur ist genau diese Haltung der Grund, warum die Punkte-MPU der Fall ist, der am häufigsten unterschätzt wird. Denn was der Gutachter prüft, ist deine Einstellung zu Regeln – und dieser Satz ist bereits eine Antwort darauf.

In diesem Artikel bekommst du den kompletten Ablauf: wann die MPU kommt, was geprüft wird, was anders läuft als bei Alkohol- und Drogenfällen und wo die Grenze zur Straftaten-MPU verläuft.

Wann kommt die Punkte-MPU?

Das Fahreignungs-Bewertungssystem läuft seit dem 1. Mai 2014 und arbeitet mit einer Skala von einem bis acht Punkten. Es ist gestaffelt, und du durchläufst die Stufen zwingend nacheinander:

PunktestandWas passiert
1–3 PunkteVormerkung im Register, keine Mitteilung an dich
4–5 Punkteschriftliche Ermahnung; ein Punkt lässt sich freiwillig über ein Fahreignungsseminar abbauen
6–7 Punkteschriftliche Verwarnung; das Fahreignungsseminar ist weiter möglich, bringt aber keinen Punktabzug mehr
8 PunkteEntzug der Fahrerlaubnis durch die Behörde

Bei acht Punkten entzieht die Führerscheinstelle die Fahrerlaubnis, ohne dass ein Gericht daran beteiligt ist. Es folgt eine Sperrfrist von mindestens sechs Monaten. Danach kannst du die Neuerteilung beantragen, und dafür brauchst du ein positives MPU-Gutachten. Bei acht Punkten ist das ausnahmslos so.

Wie die Punkte zustande kommen: Ein Punkt wird für schwere Ordnungswidrigkeiten eingetragen, zwei Punkte für besonders schwere Ordnungswidrigkeiten und für Straftaten, drei Punkte für Straftaten, die zur Entziehung geführt haben. Eingetragen wird ab einem Bußgeld von 60 Euro. Getilgt wird gestaffelt: 2,5 Jahre bei schweren Ordnungswidrigkeiten, 5 Jahre bei besonders schweren und bei Straftaten ohne Entziehung, 10 Jahre bei Straftaten mit Entziehung.

Kann die MPU auch früher kommen?

Ja, und das wissen die wenigsten. Wenn du schon einmal eine MPU hattest – auch in einer anderen Fallkategorie –, kann die nächste deutlich früher angeordnet werden. Das ist dann eine Einzelfallentscheidung, und die Behörden handhaben es unterschiedlich.

Ich hatte dazu zwei Fälle, die das gut zeigen. Beide hatten eine Drogen-MPU hinter sich und danach binnen eines Jahres 2 Punkte durch Geschwindigkeits- und Handyverstöße gesammelt. Beide mussten erneut zur MPU, ohne auch nur in die Nähe von acht Punkten gekommen zu sein.

Warum die Punkte-MPU nicht der leichte Fall ist

Jetzt zu dem Punkt, um den es in diesem Artikel eigentlich geht.

Kein anderer Falltyp neigt so stark zum Bagatellisieren wie der Punkte-Fall. Rund neun von zehn meiner Punkte-Klienten bringen in der Erstberatung eine Variante desselben Gedankens: Es geht ja nicht um Alkohol oder Drogen. Dazu kommen dann Sätze wie „es gibt doch viel Schlimmere", „fast alle fahren so", „Blitzer sind sowieso nur Abzocke" oder „ich bin ja trotzdem immer sicher gefahren".

Dahinter steckt eine Fehleinschätzung, die verständlich ist, aber gefährlich. Denn wie wenige Menschen tatsächlich acht Punkte in Flensburg erreichen, unterschätzen die meisten massiv. Du hast dafür Verstöße gesammelt, die einzeln schon schwer genug waren, um überhaupt eingetragen zu werden. Du hast eine Ermahnung bekommen und danach eine Verwarnung – das System hat dich also zweimal offiziell gewarnt, bevor der Führerschein weg war. Und du bist trotzdem weitergefahren wie vorher.

Genau so liest der Gutachter deine Akte. Für ihn ist ein Punkte-Fall kein Verwaltungsvorgang, sondern jemand, der über Jahre gezeigt hat, dass Konsequenzen bei ihm nichts bewirken. Wer mit dem Gefühl ins Gespräch geht, eigentlich harmlos zu sein, liefert genau die Haltung, die zum Führerscheinverlust geführt hat.

Und das ist auch der Grund, warum ich diesen Falltyp nicht unterschätzen würde.Das eigene Kleinreden bemerkt man selbst kaum. Dafür braucht es meistens jemanden von außen.

Was der Gutachter prüft

Bei Alkohol- und Drogenfällen dreht sich alles um den Konsum. Bei dir dreht sich alles um deine Haltung gegenüber Regeln und um dein Verhalten im Verkehr. Die Themen sind dabei ziemlich klar umrissen:

Deine damalige Einstellung zu Regeln und Gesetzen. Was hast du über Verkehrsregeln gedacht, und was über dein eigenes Fahren? Typische Muster, die hier auftauchen: Regeln locker gesehen, sich selbst Spielraum eingeräumt, Ausnahmen erlaubt, das Risiko unterschätzt, sich für einen guten Fahrer gehalten.

Wie du auf die Konsequenzen reagiert hast. Du hast Bußgelder bezahlt, Fahrverbote bekommen, Post aus Flensburg erhalten. Der Gutachter will wissen, warum das nichts geändert hat. Ob du dich über den Staat geärgert hast, ob die Beträge dir finanziell nichts ausgemacht haben, ob du gedacht hast, bis acht sei ja noch Luft.

Welchen Nutzen dein Verhalten hatte. Diese Frage überrascht viele. Sie zielt darauf, was dir das schnelle Fahren, das Drängeln oder das Handy am Steuer eigentlich gebracht hat: das Gefühl, schneller anzukommen, Fahrspaß, ein Gefühl von Überlegenheit und Kontrolle, oder auch ein Ventil für innere Anspannung.

Was dahintersteckt. Und hier wird es persönlich. Meist geht es um schlechte Zeitplanung, um Leistungsdruck, um Selbstwertfragen oder um Schwierigkeiten damit, Gefühle zu regulieren. An dieser Stelle scheitern viele die ohne Vorbereitung in die MPU gehen, weil sie bei „ich war halt oft spät dran" stehenbleiben.

Was sich seitdem verändert hat. Ohne Fahrerlaubnis kannst du schlecht belegen, dass du heute anders fährst. Entscheidend ist deshalb etwas anderes: dass sich deine Haltung gegenüber Regeln verändert hat und dass dir bewusst geworden ist, welche Gefahr von deinem früheren Fahrverhalten ausgegangen ist. Beides muss im Gespräch in deinen eigenen Worten kommen.

Deine Rückfallprophylaxe. In welchen Situationen wäre die Gefahr am größten, wieder in dein altes Muster zu rutschen, und was tust du dann konkret?

Dazu kommt Faktenwissen, das du parat haben solltest: Bremsweg, Reaktionsweg, Anhalteweg, die Abstandsregel. Das sind keine Fangfragen, sondern der Nachweis, dass du dich mit dem beschäftigt hast, worum es geht.

Der Ablauf: Was bei einer Punkte-MPU anders läuft

Keine Abstinenznachweise. Weil es nicht um Konsum geht, brauchst du keine Haaranalyse und kein Urinkontrollprogramm. Damit fällt der Block weg, der bei Alkohol- und Drogenfällen zwölf bis fünfzehn Monate kostet.

Keine Blut- oder Urinprobe am Untersuchungstag. Bei einer reinen Punkte-MPU werden keine Proben genommen.

Ein kürzerer medizinischer Teil. Der Arzt prüft nur grob, ob gesundheitliche Beeinträchtigungen vorliegen, die für die Fahreignung relevant sein könnten. Fragen zum Konsumverhalten kommen dort nicht.

Der Leistungstest bleibt. Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit werden genauso am Computer geprüft wie bei allen anderen Fragestellungen.

Das Gespräch ist nicht automatisch kürzer. Es kann kürzer werden, wenn du gut vorbereitet bist und deine Delikte von dir aus so aufgreifst, dass der Gutachter nicht jedes einzelne abfragen muss. Wer aber zu jedem Verstoß erst befragt werden muss, sitzt genauso lange da wie jeder andere.

Die Begutachtung ist günstiger. Weil der Begutachtungsumfang meist etwas geringer ist, liegt eine reine Punkte-MPU preislich unter einer Drogen oder Alkohol MPU.

Wo die Grenze zur Straftaten-MPU verläuft

Nicht jeder Fall mit vielen Punkten ist eine Punkte-MPU. Sobald ein Verhalten die Grenze zur Straftat überschreitet oder ein deutliches Aggressionspotenzial zeigt, formuliert die Behörde eine eigene Fragestellung nach § 11 Absatz 3 FeV. Drei typische Beispiele:

Nötigung im Straßenverkehr nach § 240 StGB, also etwa dichtes Auffahren mit Lichthupe oder absichtliches Ausbremsen, führt zu einer Aggressions-Fragestellung. Geprüft werden dann vor allem Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

Illegale Kraftfahrzeugrennen nach § 315d StGB führen zu einer Straftaten-Fragestellung mit Fokus auf Rechtstreue und Risikobewusstsein.

Wiederholte Fahrerflucht nach § 142 StGB landet ebenfalls bei einer Straftaten-Fragestellung, dort mit dem Schwerpunkt auf Verantwortungsübernahme.

Der Unterschied liegt vor allem im Fokus. Bei der klassischen Punkte-MPU stehen Gewohnheiten, Zeitdruck und Ablenkung im Vordergrund. Bei einer Straftaten- oder Aggressions-Fragestellung schaut der Gutachter stärker auf Impulskontrolle, Risikobewusstsein und Verantwortungsübernahme. Der Aufbau der Untersuchung und die Themen, die du mitbringen musst, sind aber weitgehend dieselben.

Und noch ein Punkt, den viele falsch einschätzen: Wenn dir ein Gericht wegen einer solchen Straftat die Fahrerlaubnis entzieht, werden deine Punkte in Flensburg zwar gelöscht. Die Straftat bleibt aber in deiner Akte, blockiert die Neuerteilung und führt dich direkt in die Straftaten-MPU. Über das Punktesystem lässt sich das nicht aussitzen.

Wann du mit der Vorbereitung anfangen solltest

So früh wie möglich, am besten direkt nach dem Entzug. Der Vorteil deines Falls ist, dass du keine zwölf Monate Abstinenz abwarten musst. Das verführt allerdings dazu, die Vorbereitung ganz nach hinten zu schieben. Ich habe Klienten auch schon in drei Wochen vorbereitet, wenn es sein musste – nur wird die Arbeit dadurch nicht weniger, sondern nur gedrängter. Und die offiziellen Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen, dass gerade die frühe Vorbereitung den Unterschied macht: 37,1 % bestehen ohne Vorbereitung, rund 70 % mit, und 81 % mit früher Vorbereitung.

Aus der Praxis

Hunderte Fahrten ohne Fahrerlaubnis und tausendfach zu schnell

Laura, 29, Bürokauffrau, ist über Jahre hunderte Male ohne Fahrerlaubnis gefahren und hat nach eigener Rechnung tausendfach die Geschwindigkeit überschritten, unter anderem mit 35 und 41 km/h zu viel in 100er-Zonen. Dazu kamen ein unerlaubtes Entfernen vom Unfallort und das Dulden des Fahrens ohne Fahrerlaubnis ihres Mannes.

Aufgewachsen ist sie mit einer extrem strengen Mutter, der sie nie genügen konnte, und daraus haben sich zwei Muster entwickelt, die sich eigentlich widersprechen: eine antiautoritäre Haltung gegenüber Regeln nach dem Motto, sich nichts mehr sagen zu lassen, und gleichzeitig ein massiver Perfektionismus, es allen recht machen zu müssen. Im Straßenverkehr haben sich beide Muster zu einer ständigen Hetze verbunden, weil sie dauerhaft spät dran war und allen helfen wollte.

In der Arbeit mit Laura konnten wir zeigen, dass beide Muster auf dieselbe Ursache zurückgehen, nämlich auf das Gefühl, nicht genug zu sein. Die Rebellion gegen Autorität war ihr Schutz vor weiterer Bewertung, der Perfektionismus war der Versuch, doch noch zu genügen. Als ihr dieser Zusammenhang bewusst wurde, konnte sie eine Erkenntnis zulassen, die beide Muster gleichzeitig überflüssig gemacht hat: Sie ist gut, wie sie ist, und muss niemandem mehr etwas beweisen.

Laura hat beim ersten Versuch bestanden. Im Straßenverkehr fährt sie heute 30 bis 60 Minuten früher los, statt sich unterwegs zur Eile zu zwingen. Wenn Emotionen sie während der Fahrt einholen, fährt sie rechts ran und macht Atemübungen, bevor sie weiterfährt. Das Handy liegt ausgeschaltet im Handschuhfach, und Regeln versteht sie heute als Schutz für ihre Familie statt als Einschränkung ihrer Freiheit.

Häufige Fragen

Noch offene Fragen? Hier die wichtigsten.

Ab wie vielen Punkten muss ich zur MPU?
Bei acht Punkten entzieht die Führerscheinstelle die Fahrerlaubnis, und die Neuerteilung gibt es nur mit positivem MPU-Gutachten. Wer schon einmal eine MPU hatte, kann im Einzelfall aber auch deutlich früher erneut zur MPU müssen.
Brauche ich bei einer Punkte-MPU Abstinenznachweise?
Nein. Bei einer reinen Punkte-Fragestellung geht es um dein Verkehrsverhalten und deine Einstellung zu Regeln, nicht um Konsum. Es werden auch keine Blut- oder Urinproben genommen.
Wie lange ist die Sperrfrist bei acht Punkten?
Mindestens sechs Monate. Erst danach kann dir nach positivem Gutachten eine Fahrerlaubnis erteilt werden. Den Antrag auf neuerteilung kannst du schon vorher stellen.
Kann ich Punkte abbauen, um die MPU zu vermeiden?
Über ein Fahreignungsseminar lässt sich ein Punkt abbauen, allerdings nur bis zu einem Stand von fünf Punkten und nur einmal in fünf Jahren. Ab sechs Punkten kannst du das Seminar zwar noch besuchen, es bringt aber keinen Punktabzug mehr.
Ist eine Punkte-MPU leichter als eine Alkohol- oder Drogen-MPU?
Der Ablauf ist kürzer, weil Abstinenznachweise wegfallen. Das Gespräch selbst ist deshalb nicht einfacher. Nach meiner Erfahrung ist der Punkte-Fall sogar der mit dem höchsten Bagatellisierungsrisiko, weil viele ihn für harmlos halten – und genau das prüft der Gutachter.
Wie lange dauert eine Punkte-MPU?
Der Untersuchungstag dauert insgesamt meist mehrere Stunden. Das psychologische Gespräch liegt im Schnitt bei etwa 45 Minuten und ist bei Punkte-Fällen nicht automatisch kürzer als bei anderen Fragestellungen.
Was kostet eine Punkte-MPU?
Sie liegt beim Begutachtungspreis am unteren Ende, weil der Untersuchungsumfang geringer ausfällt. Dazu kommen keine Kosten für Abstinenznachweise, was den größten Einzelposten spart.
Muss ich bei einem illegalen Rennen auch zur Punkte-MPU?
Dafür formuliert die Behörde eine eigene Straftaten-Fragestellung. Der Ablauf ist derselbe, und inhaltlich überschneidet sich vieles: Es geht wieder um deine Einstellung zu Regeln, um die Ursachen deines Verhaltens und um deine Rückfallprophylaxe. Der Fokus verschiebt sich nur, weil hinter einer Straftat andere Ursachen stehen als hinter Geschwindigkeitsverstößen.

Sprechen wir über deinen Fall.

Wenn du wissen willst, was in deinem Fall auf dich zukommt und worauf es im Gespräch ankommt, dann trag dich für eine kostenlose Erstberatung ein. Wir telefonieren 20 Minuten, unverbindlich. Ich schaue mir deine Delikte und deine Vorgeschichte an und sage dir ehrlich, wo du stehst. Und falls du zu denen gehörst, die gerade denken, es gehe ja nur um Punkte, ist das genau der richtige Moment für ein Gespräch.